Industrie 4.0 im Mittelstand. Mit Standardisierung die Revolution verschlafen?

    Industrie 4.0 im Mittelstand

    Industrie 4.0 hat die Absicht, deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich wettbewerbsfähiger zu machen. Dazu sollen internetbasierte Technologien der Industrie zu mehr Effizienz verhelfen. Das Thema wurde 2011 erstmals auf der Hannover Messe vorgestellt. Inzwischen blicken wir fast 5 Jahre später auf das Jahr 2016 und auch der internationale Wettbewerb hat das Thema für sich gewonnen.

    Ob in den USA unter dem Namen „Digital Industry“ oder unter der Haube von „Made in China 2025“ – wir sind mit der Idee, unsere Industrieunternehmen zu digitalisieren, längst nicht mehr alleine.

    Wenn man einer anschaulichen Studie der Technischen Hochschule Mittelhessen folgt, erkennt man, dass der Mittelstand, der gerade die deutsche Industrie repräsentiert, sich nicht abgeholt fühlt. Das Thema Industrie 4.0 wird in zahlreichen Arbeitskreisen, Verbänden, Gremien und Zusammenschlüssen diskutiert. Die Studie der Technischen Hochschule Mittelhessen belegt den Eindruck, den ich nun aus über 10 Industrie 4.0 Veranstaltungen im letzten Jahr mitgenommen habe:

    • 74% der Unternehmen geben an, den Begriff Industrie 4.0 zu kennen
    • 77% der Unternehmen geben an, dass Sie keine internetbasierten Dienste für ihre Kunden bereitstellen
    • 50% der Unternehmen geben an, dass das Internet in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen wird.

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    Die aktuelle Situation in Deutschland

    Die Daten (und viele weitere aus der Studie) zeigen also eindrucksvoll, dass:

    1. Der Begriff Industrie 4.0 schon weit verbreitet ist
    2. Viele Unternehmen mit dem, was als Industrie 4.0 in der Theorie kommuniziert wird nicht viel anfangen können
    3. Die meisten noch sehr wenige Geschäftsprozesse durch das Internet optimieren OBWOHL sie erkannt haben, dass das Internet in den kommenden Jahren von
    essentieller Bedeutung sein wird
    4. Die Praxis fehlt, die als Referenzen in vielen Mittelständischen Unternehmen gefordert wird


    Was wollen wir sein? Zulieferer von neuen Produktideen für die Produktion in China?

    Folgt man den Keynotes des Industrie 4.0 Summits in München, forschen wir wohl auch in den nächsten 2 bis 5 Jahren noch an einem standardisierten Rahmen als Basis für unsere zukünftigen digitalen Innovationen. Während wir versuchen, Innovation in einen standardisierten Rahmen zu packen, zeigt sich die Gefahr, dass auf der einen Seite unsere physischen Produkte in China kopiert und wesentlich günstiger produziert werden und auf der anderen Seite des Globus, in den USA, „unsere“ Daten durch neue innovative

    Geschäftsmodelle „fremd-verwertet“ werden. Daten sind das Gold der Neuzeit in digitaler Form, dem stimme ich zu. An der Idee, dieses Gold durch innovative Geschäftsmodelle in der Praxis zu ernten, scheitert es im Moment noch in ganz Europa.

    In den USA hingegen wurden gerade in den vergangenen 2-5 Jahren bereits etliche neue Geschäftsmodelle entwickelt, die ganze Industrien umverteilen werden.

    Nennen wir nur Netflix, Uber, BnB. Man findet schnell zahlreiche weitere Beispiele. Es stellt sich somit die Frage, wo wir unseren Platz in der digitalen Wertschöpfungskette in den nächsten 10 Jahren finden.

    Etwa als Zulieferer von neuen Produktideen für die Produktion in China bis 2025? Oder als standardisierter Zulieferer von Daten für die Datenkraken in den USA?


    Während wir Standards schaffen werden wir von rechts und links überholt

    Es stellt sich auch die Frage, ob wir Industrie 4.0 und die digitale Innovation im Mittelstand verschlafen, während wir in den nächsten 5 Jahren versuchen, Standardisierung als Basis für die zukünftige digitale Innovation zu schaffen. Wenn wir mit dem eigentlichen Innovationsprozess nicht parallel beginnen und zur Tat schreiten, dann werden wir auf der digitalen Autobahn von links und rechts zugleich überholt.

    Um Herrn Kommissar Oettinger auf dem Event Entrepreneur Of The Year 2015 sinngemäß zu zitieren: „Google, Apple und Co interessieren sich weder für die Produktion von Autos noch sind es ’niedere Tätigkeiten‘ wie Schweißen, Stanzen oder Gießen.

    Sie sind an den digitalen Daten interessiert. Und während Sie in Zukunft mit 200 km/h über die Autobahn fahren, hat Ihr Versicherer passend zu Ihrer neuen Risikoklasse ein entsprechendes Angebot für Sie in der Tasche.

    Glauben Sie, dass Google dann in Bayern danach fragt, ob dieser Datentransfer mit den Datenschutzrichtlinien des Freistaats konform ist? “


    Der Mittelstand kann neuen Geschäftsmodellen nicht mit Forschung zu Standardisierung begegnen

    Innovation durch Digitalisierung gelingt nicht, wenn wir Industrie 4.0 in ein Schema pressen wollen, das die Implementierung einer „digitalen Verwaltungsschale“ vorschreibt und alles andere als „nicht Industrie 4.0 würdig“ degradiert.

    Dann wird weder heute, noch in 5 Jahren Industrie 4.0 eine Bewegung sein, die den Mittelstand effizienter macht.

    Wenn wir uns ausschließlich der Theorie und den Gefahren verschreiben, überrollen uns andere in der Praxis. Neue Geschäftsmodelle stellen Deutschland vor eine enorme Herausforderung, der man sich nur in der Praxis behaupten kann. Dies bestätigte auch Herr Dr. Günter Hörcher vom Fraunhofer IPA auf dem 3. Industrie 4.0 Summit in München.

    Man erkennt auf allen Seiten: Es muss etwas getan werden, um den Mittelstand dort abzuholen, wo er steht. Das hat auch das BMWi erkannt und fördert ab 2016 fünf Zentren unter dem Programm „Mittelstand 4.0“.

    Das Programm soll dabei unterstützen, Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis zu transferieren. Ich freue mich über diesen Fortschritt und darüber, dass wir die TU Darmstadt als Praxispartner für eines dieser fünf deutschen Kompetenzzentren tatkräftig unterstützen dürfen.


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